Es wird immer behauptet wir hätten viel zu viele Arzneimittel in Deutschland. Falsch! Wir haben im Gegenteil zu wenige Arzneimittel. Wie begründe ich diese Aussage? Nehmen wir zum Beispiel die Hypertonie, den Bluthochdruck.
Die Ursachen für Hypertonie können (Auswahl!) sein:
• Verengung der Arterien (Arteriosklerose)
• Herzschwäche (Insuffizienz)
• Nierenerkrankung (Nephropathie)
• Stoffwechselveränderungen (Metabolisches Syndrom)
Da ist es doch jedem Menschen einleuchtend, daß für die Senkung des Druckes in jedem Fall ein unterschiedliches Medikament nötig ist. Man benutzt z.B. beim Kochen doch auch unterschiedliche Gefässe, wie Töpfe, Kasserolen, Pfannen etc., da zwar alle die Essenszubereitung erlauben, aber jedes für einen bestimmten Zweck besser als das andere Gefäß geeignet ist.
Daher behaupte ich: Wir haben zu wenig Arzneimittel, denn wir haben noch nicht das beste Medikament für jeden Zweck, sprich: Auslöser von Krankheit.
Jetzt gibt es aber Interessengruppen, die behaupten, man könne mit 100 Medikamenten "gute Medizin" betreiben. Mag sein. Das ist vielleicht für Länder denkbar, in denen die Menschen noch sehr viel natürlicher - und gesünder - leben als wir hier in Deutschland. Dort reichen Mittel gegen Infektionen, Schmerz etc., während wir hier Mittel gegen Zivilisationsfolgekrankheiten wie die oben erwähnte Hypertonie brauchen - und das geht eben nicht mit den "100 lebensnotwendigen Arzneien" lt. WHO [World Health Organization].
Wenn nun aber keine neuen Medikamente mehr verordnet werden dürfen? Wenn die Reformen nur noch "billige", nachgemachte Arzneimittel (Generika) zulassen? Warum nicht "freie Arzneimittel" kaufen und noch die Praxisgebühr sparen?
Da gibt es ein Problem [trifft nur hier in Deutschland so zu, in anderen EU Ländern ist der Marktzugang völlig anders und konsumentenfreundlicher gestaltet]:
Frei verkäufliche Arzneimittel sind - überwiegend - solche Produkte, die wegen der Änderungen in der Verschreibungspflicht aus dem Verordnungs-Segment des Marktes herausgefallen sind, oder von Anfang an nicht in die Verschreibungspflicht herein genommen wurden, weil es Zweifel an ihrer Wirkung gab. Grund dafür ist in den meisten Fällen - von Ausnahmen wie Knoblauchpillen einmal abgesehen - sie haben sich in klinischen Prüfungen als unwirksam erwiesen. ["Unwirksam" heißt hier: Eine Wirkung konnte statistisch nicht nachgewiesen werden, obwohl sie bei einigen Probanden gesehen wurde].
Was wir brauchen ist der sorgfältigere Umgang mit den Arzneimitteln, die verordnet werden. Kein Arzneimittel hilft, wenn es in einer Schublade oder dem Badezimmerschrank vergammelt. Einnehmen hilft.
Warum nehmen viele Patienten ihre Arznei nicht ein? Weil sie auf der Information, die beigelegt ist, ein wahres Horroszenario vorfinden. Ist das wirklich alles als Nebenwirkung zu erwarten?
Nein, nein, nein - in 98% aller Fälle! Die Angaben müssen nämlich schon dann aufgedruckt werden, wenn sie einmal in einhunderttausend Fällen auftreten, oder wenn bei einer ähnlichen Arznei ein solcher Fall eingetreten ist. Wer weiss das schon oder bekommt es erklärt? Fast niemand, wenigstens sehr wenige Patienten, die das Glück haben, zu einem geduldigen, verantwortungsvollen Arzt oder Apotheker gehen zu können, der nicht nur auf "den schnellen Euro" erpicht ist [mehr zu diesem Thema an anderer Stelle].
"Innovation" des Patientenverhaltens - aber auch der Produzenten-haltung - tut Not!
