Es wird viel geschrieben über die Arbeitslosigkeit in Spanien und deren Ursachen. Ich bin nun kein Sozialwissenschaftler, sondern Biologe und wir haben auch Untersuchungsgegenstände deren Lebensäußerungen, Lebensfunktionen und Interaktionen studiert werden. Insoweit fühle ich mich 'autorisiert' zumindest ein Schlaglicht auf die Verhältnisse zu werfen und die Frage nach dem "Warum?" zu stellen.
Die 'herrenlosen Kinder' in Spanien fallen zunächst einmal nicht unbedingt auf, sind sie doch den überwiegenden Teil des Tages in der Schule. Am Wochenende und im Urlaub wird allerdings das ganze Ausmaß der Unzulänglichkeiten sichtbar:
Spanische Kinder sind arme, verwahrloste, unbeaufsichtigte und abgeschobene Kinder - anders als bei uns, wo sich Eltern darauf freuen mit ihren Kindern ein paar Stunden, ein paar Tage gemeinsam zu verbringen, teilen sich hier Eltern und Kinder in verschiedene Gruppen und jede Gruppe lebt so vor sich hin - unterbrochen lediglich bei Familienfeiern, oder zu den Mahlzeiten, vor deren Beginn dann langgezogene Schreie die Kindlein herbeibringen sollen.
"Aaalvarooooo!" tönt es dann z.B. quer über die 'Plaza' oder entlang der 'Calle'. Von dem so herbeizitierten allerdings keine Spur - und da seine Mutter (oder Eltern) nicht weiß wo er ist und ihn deswegen dort nicht abholen könnte verlegt sie sich auf weitere Rufe. Die verhallen, wie die Vorigen, ergebnislos.
Ein "Iiiiivaaaaaaan!" reagierte, an sich schon eine Besonderheit, dann doch noch - ich habe mitgezählt - auf den elften (!) Ruf seiner Mutter.
Wenn die Kinder klein und niedlich sind dürfen sie ALLES. Sie werden wie die Babypuppen meiner Schwestern in niedliche rosa Kleidchen oder bläuliche Jäckchen gesteckt und überall herumgezeigt, dabei angestachelt das andressierte Verhalten zu zeigen, von dem ihre Eltern glauben es sei von Vorteil für die Zukunft des Nachwuchses.
Das "alles dürfen" schlägt dann später um. Weil die Kinder herumkaspern wie sie es früher gelernt und getan haben. Wenn sie aber älter geworden sind findet es niemand mehr niedlich, da wird es eher zur Plage.
So schlägt es nachfolgend in völlige Verwahrlosung und Frechheit (auch den Eltern gegenüber) um. Die wollen dann lieber die Kinder weit weg haben, sonst gibt es für sie nur Diskussionen, Streitereien und bestimmt keine Ruhe. Doch die wollen sie haben, die spanischen Eltern, denn sie lieben es mit ihren Verwandten und Freunden in fröhlicher Runde lautstark zu diskutieren, zu schwadronieren und zu scherzen. Die Männer lassen kleine Anzüglichkeiten los und die versammelte Damenwelt kichert hinter ihren Fächern feixend darüber. Da passen freilich keine kleinen Kinder dazu, vor allem nicht, wenn sie Aufmerksamkeit haben wollen. Sie werden verscheucht, mit Geld, Eis, Süßigkeiten bestochen eine Weile Ruhe zu geben und ignoriert - ihre Bedeutungslosigkeit steht in umgekehrtem Verhältnis zu dem vielbeschworenen mediterranen Sippenzusammenhalt und zu der Aufmerksamkeit die sie früher hatten.
Das Ergebnis sind Vandalismus, Übergriffe, zügelloses Trinken im Teenageralter .... die späte Rache, geboren aus dem Alleingelassensein und der Vernachlässigung.
Vermurkster Anfang - schlimmste Ergebnisse, das erinnert mich sehr an mißratene Versuche der Hundeerziehung:
Was bei einem Junghund noch 'niedlich' ist, z.B. wenn er mit seinen kleinen Pfoten einen Schuh packt und an ihm herumzunagen versucht, wird später zu einem Riesenproblem wenn er sich ein paar teure Lederschuhe für mehr als zweihundert Euro als 'Kauknochen' vornimmt.
Hier offenbart sich demnach der Grund für ein generelles Problem der Art wie spanische Kinder (auch portugiesische, da hatte ich viele Beobachtungsgelegenheiten) erzogen werden.
Anstatt intellektuelle Leistung in den Vordergrund zu stellen wird den Jungen eine Macho-Rolle einstudiert:
Fußball, Formel I, Kampfspiele, Protzen mit den aktuellen 'gadgets' und der Ausbeulung ihrer Hose (nicht erfunden, selbst beoachtet!).
Die Mädchen werden auf ihre Rolle als Mutter und Sexobjekt getrimmt:
Oberteile für Bikinis bei nicht vorhandener Brust, farbliche Abstimmung auf 'girlie'-rosa und sonstige Bonbonfarben (schlimmste geschmackliche Entgleisungen), Puppenwagen und weiteres 'mädchentypisches' Spielzeug, ausufernde Haarpflege, Schminksets - und sie 'dürfen' den Müttern dabei helfen die Hausarbeiten zu erledigen während der Papa ruht und der Bruder sich bei einem Videospiel entspannt ....
Eingangs hatte ich erwähnt nach wem (beispielhaft) Mütter rufen - es mag den geneigten Lesenden nicht aufgefallen sein, aber die Namen waren mit Bedacht gewählt:
Jungen werden gerufen - Mädchen verdummen im Hause vor sich hin!
Mittlerweile wundert es mich nicht mehr wenn ich die Zahlen für Jugendarbeitslosigkeit höre. Das hat seinen Grund. Nicht nur in der generellen wirtschaftlichen Schieflage Spaniens durch den Zusammenbruch der völlig überhitzten Bautätigkeit. Sondern insbesondere weil die Knaben dumm & faul & aufsässig sind, zwar Alles haben aber nichts dafür tun wollen. Diese Beschreibung stellt eine Zusammenfassung aus mehreren (privaten) Gesprächen mit Arbeitgebern dar die sich zur Lage der Personalbeschaffung äußerten, bzw. beklagten, es gäbe nicht genügend qualifizierte junge Leute jenseits der Putz- und Verkaufsarbeitsebene.
Die Mädchen wiederum werden 'künstlich' dumm gehalten, indem man ihnen Entwicklungsmöglichkeiten vorenthält "weil sie ja doch früh heiraten" - das Heiratsalter in Spanien ist 14 (!) Jahre und eine Initiative es auf 16 heraufzusetzen wurde abgeschmettert. Das ist im EU-Vergleich das 'jüngste' legale Heiratsalter.
Die schmale Oberschicht, die den überwiegenden Teil der Großbetriebe auch in der Landwirtschaft hält, die Schlüsselfunktionen in Politik, Wirtschaft und Bankenwesen besetzt, diese 'Erbhöfe' innerhalb der eigenen Clans weitervererbt und die dem verstorbenen General Franco noch immer hinterhertrauert ist dagegen ganz anders aufgestellt:
Sie erzieht ihre Kinder zu Leistung, schickt sie zu Privatschulen und bildet sie umfassend, inclusive der heute unerläßlichen Fremdsprachen aus, während im öffentlichen Schulsystem lediglich ein paar Kindergartenreime als 'englische Sprachausbildung' angeboten werden. Jede ernsthafte Sprachausbildung ist privat und wegen der Kosten nehmen dies nur sehr wenige vorausschauende Eltern auf sich.
Insgesamt also eine niederschmetternde Bilanz. Die Hoffnung, das Land könne diese extremen Bildungs- und Verhaltensdefizite seiner Jugend in absehbarer Zeit überwinden, ist blauäugig, naïv und nutzlos. Vor diesem Hintergrund ist auch klar, daß es keine wirtschaftliche Erholung geben wird und alles Geld der Welt - zunächst natürlich erstmal das der bürgenden EU-Länder - ohne Verbesserung der Situation versickern wird. Oder in die Taschen derer fließt, die anders sind als die hier überwiegend betrachtete spanische 'Masse':
Die der "Oberschicht", die zuvor angesprochen wurde.
Da sich solche Erziehungsdefizite über viele Jahrzehnte hingezogen haben ist natürlich nicht mit einer raschen Besserung der Zustände zu rechnen - hier müßte aus meiner Sicht ein wesentlicher Umdenkungsprozeß in Gang gesetzt werden. Dafür aber sehe ich weder Initiativen noch Motivation breiter Schichten. Schade, wo Spanien doch so ein schönes Land mit so vielen Möglichkeiten ist.