Oh, diese Expertenflut!
*update* [18.04.2020; 11:00h]

Haben Sie schon ein­mal dar­über nach­ge­dacht wie lästig Exper­ten den "Ent­schei­dern" in unse­rem Staat sein kön­nen? Ins­be­son­de­re dann, wenn sie in ihrem finan­zi­el­len Spiel­raum, in der Aus­stat­tung ihrer For­schungs­ein­rich­tun­gen nicht von der Poli­tik total abhän­gig sind? 

"Den Mäch­ti­gen die Wahr­heit sagen" ist nicht vor­teil­haft, wenn man deren Wohl­wol­len braucht um zu exi­stie­ren. Weil dar­un­ter Vie­le sind, die Wider­spruch schon seit Jah­ren nicht gehört haben. Die es nicht gewohnt sind, dass man ihnen wider­spricht oder auch nur Tei­le ihrer Über­zeu­gung in Fra­ge stellt. Des­we­gen umge­ben sich die­se ein­fluss­rei­chen 'Anfüh­rer' lie­ber mit sol­chen Exper­ten, die auch mal 'Fün­fe gera­de sein las­sen' und die Wis­sen­schaft so ver­bie­gen, dass sie zum gewünsch­ten Ergeb­nis passt.

Sehr fatal. Selbst der gering­ste Zwei­fel an der Wahr­heits­lie­be und Unbe­stech­lich­keit der Wis­sen­schaft ist geeig­net auch die mit in den Abgrund zu zie­hen, die kor­rekt arbei­ten und nicht für Gefäl­lig­keits­wis­sen­schaft zu haben sind. Die Kate­go­rie von Bestech­li­chen ist leicht zu erken­nen - ins­be­son­de­re dann, wenn das Urteil der son­sti­gen Fach­leu­te auf einem bestimm­ten Sach­ge­biet genau das Gegen­teil aus­sagt als das, was sie namens und im Auf­tra­ge veröffentlichen.

Doch es gibt eine Kate­go­rie, die ich für noch viel gefähr­li­cher hal­te. Es sind die aus den Medi­en bestens bekann­ten Volks­auf­klä­rer, Talk­show­hosts, Wis­sens­sen­dungs­mo­de­ra­to­ren und sogar Nach­rich­ten­spre­cher, die viel­leicht sogar in einem bestimm­ten Bereich ver­tief­te Kennt­nis­se haben, und es dar­in zu Ehren und Auf­merk­sam­keit gebracht haben. Aber eben nur dar­in, und nicht generell.

Vie­le dar­un­ter ver­ges­sen nun ihre natür­li­chen und theo­re­tisch unter­mau­er­ten Grenzen:
Sie bege­ben sich in Berei­che, in denen sie nicht sehr viel mehr als der durch­schnitt­lich gebil­de­te Laie wis­sen kön­nen, weil sie es nicht stu­diert haben und kei­nen Stab von Fach­leu­ten ihr eigen nen­nen, der sie da fun­diert bera­ten wür­de. Das sind die Men­schen, die jede Selbst­kri­tik ver­lernt haben, die nie Zwei­fel hegen, sie könn­ten etwas nicht ver­ste­hen, die sich gar für kom­pe­tent hal­ten ihre Mei­nung als Fak­ten zu vertreten.

Gera­de in ange­spann­ten Zei­ten wie wir sie der­zeit erle­ben tau­chen plötz­lich "Exper­ten" in Mas­sen auf, in einem Umfang, den man unter nor­ma­len Bedin­gun­gen nicht gewohnt ist.
Wo kom­men die plötz­lich Alle her? Aus wel­chen Löchern krie­chen sie her­aus, sie, von denen man bis dato nichts gehört hat­te und nichts wusste?

Das hat schon nichts mehr mit "Spe­zia­li­sie­rung" zu tun, das ist schlicht wie Piraterie:
In einem frem­den Gewäs­ser, in dem man sich nicht aus­kennt, aber den­noch Schiff, Ladung und Mann­schaft ohne Plan und Ziel der Unge­wiss­heit aus­setzt - nur um das eige­ne Ego auf­zu­bla­sen, sich für etwas ein Renom­mee zu ver­schaf­fen von dem man nichts ver­steht, und schließ­lich die Haupt­mo­ti­va­ti­on für Vie­le dar­un­ter: Geld.

Wenn Sie also wie­der ein­mal ein bekann­tes Gesicht in den Medi­en sehen - und über die der­zei­ti­ge Pan­de­mie reden hören - dann stel­len Sie sich die Frage
"Was berech­tigt die­se Per­son zu ihren Aus­sa­gen? Ist die­ser Mensch über­haupt dafür aus­ge­bil­det zu die­sem The­ma etwas all­ge­mein Gül­ti­ges, Wahr­haf­ti­ges, und Wei­ter­füh­ren­des zu sagen?"

Wenn Ihnen dann Zwei­fel kom­men lie­gen Sie in den mei­sten Fäl­len richtig.

*update* [18.04.2020; 11:00h]
Pas­send zum The­ma 'Wis­sen­schaft­ler die zu Poli­tik­hu­ren wer­den' (u.a. die­ser Arti­kel) & zum Arti­kel über Herrn Laschet, die­se mit­tel­mä­ßi­ge Nie­te, der offen­bar Aspi­ra­tio­nen auf die Kanz­ler­schaft hat:

Stre­eck, Laschet, Sto­ry­Ma­chi­ne: Schnel­le Daten, pünkt­lich gelie­fert­Co­ro­na­kri­se: Wie ein Wis­sen­schaft­ler zum Kron­zeu­gen für einen raschen Exit wur­de. Eine Rekon­struk­ti­on von Chri­sti­an Schwä­gerl und Joa­chim Budde

Kommentare

  1. Fällt mir ein Bei­spiel zu ein in einem ande­ren The­men­be­reich: Chri­sti­an Pfeiffer.
    Als wenn die BRD nur einen ein­zi­gen Exper­ten zum The­ma "Amok/Attentate mit anschlie­ßen­dem Sui­zid oder Inkauf­nah­me des eige­nen Todes wäh­rend­des­sen" hätte.
    Immer, wenn irgend­was aus die­ser Rubrik pas­siert, holt man den unter einem Stein wie­der her­vor, der einem dann die Welt erklä­ren soll - und zu eini­gem art­frem­den hat der in der Ver­gan­gen­heit schon ganz schö­nen Bull­shit abgelassen...
    Heißt also: Dem soll ich glau­ben, dass er was davon ver­steht, was er dort redet?
    Und wie gesagt, gäbe es nicht inzwi­schen mehr als eine Per­son im gan­zen Land, die schon Mit­te 70 ist, die man zur Erleuch­tung über das The­ma fra­gen könnte?
    Erscheint einem doch sehr unwahrscheinlich.

    1. Mei­nen Sie den Pfeif­fer aus Nie­der­sach­sen? Einer von die­sen *Alles­kön­nern* und noch dazu ein rech­tes A******h.
      Bei der Über­le­gung ob man ab Mit­te 70 nicht mehr klar den­ken oder sich in sei­nem Fach­ge­biet erin­nern kann bin ich mit mei­nen 75 vor­ein­ge­nom­men und ent­hal­te mich wei­te­rer Äuße­run­gen ..... ;c)

      1. Genau den!
        Huargh, es sträubt einem allein schon bei dem Gedan­ken, dass der mal Mini­ster in Nie­der­sach­sen sein durfte...

        Nun ja, die Beto­nung beim Alter liegt viel­mehr dar­auf, als dass man fra­gen muss: Haben die denn in dem Feld tat­säch­lich nie­mand ande­res, der sich fak­tisch oder nur meint, dar­in aus­zu­ken­nen? Ist die BRD so arm­se­lig, dass sie da nur einen ein­zi­gen übrig geblie­be­nen Mit­te-70-Jäh­ri­gen zu bie­ten hat? (Und wenn der mor­gen ein­fach tot umfal­len soll­te, dann haben sie gar kei­nen mehr...)
        Das ist ein­fach zu unglaub­wür­dig um wahr zu sein. Aber Pfeif­fers Aus­sa­gen und per­sön­li­che Gesin­nung wer­den immer gut zu einem ent­spre­chen­den Nar­ra­tiv pas­sen - so wird es wohl aussehen.

        1. Wenn einer sich *wohl ver­hält* und nie­mals gegen die regie­ren­den Par­tei­en aus­spricht hat er gute Chan­cen zum Sprach­rohr zu wer­den. Eini­ge mei­ner frü­he­ren Arti­kel beschrei­ben ganau die­ses Phä­no­men der will­fäh­ri­gen Plap­pe­rer, die so zu Amt und Wür­den gekom­men sind.

      2. Ich ken­ne sei­ne ver­ba­len Ergüs­se erst nach sei­ner Zeit, wo er Amts­trä­ger wer­den durf­te (das war wohl laut Wiki­pe­dia von 2000-2003) - und an denen bemes­sen war und bleibt es drin­gend über­fäl­lig, dass in dem Feld auch ein paar ande­re tätig sind.
        Ander­wei­tig stinkt der Fisch vom Kopf her, dass man sich mit Absicht immer wie­der nur einen bestimm­ten her­aus­sucht... (BTW: Über den Osten konn­te er zu allem Über­fluss auch ziem­li­chen Bull­shit erzäh­len. - Das sind ja alles die rich­ti­gen Kom­po­nen­ten, um in die­sem Staat was zu wer­den und in die Öffent­lich­keit zu dürfen...)

  2. Naja, Exper­ten in Viro­lo­gie fin­det man ja leich­ter als in ande­ren Gebie­ten. Es gibt nicht so vie­le, die eine "Mei­nung" gleich schlüs­sig wie­der­le­gen könnten.
    Viel bes­ser ist da das Exper­ten­we­sen in Öster­reich bestellt. Wir haben acht Mil­lio­nen Exper­ten, die jeder­zeit den Job als Fuss­ball­trai­ner der Natio­nal­mann­schaft antre­ten könnten.

    Ich selbst bin eher Exper­te für fina­le Lösun­gen. Man müss­te den Virus soweit ver­än­dern kön­nen, dass er sich jeweils auf die Lan­des­für­sten spe­zia­li­siert. Also z.B. Trump, Mer­kel, John­son etc. Das hat man frü­her schon so gemacht. In Kri­sen­zei­ten wur­den die Anfüh­rer geop­fert, damit die Göt­ter besänf­tigt wur­den. Was damals funk­tio­niert hat, - sonst wür­den wir selbst ja alle nicht leben - soll­te doch auch heu­te noch funktionieren.
    Also auf zum Opfern!

    1. Sie haben ver­mut­lich den rich­ti­gen Ansatz:
      In die­ser ver­rück­ten Zeit kann Humor, kann Sati­re mög­li­cher­wei­se über die zutiefst ver­stö­ren­den Machen­schaf­ten und Ent­schei­dun­gen hin­weg hel­fen. In die­sen Tagen ist es sowie­so schwer, zwi­schen Wahn­sinn und Genie zu unter­schei­den .... die Eck­pfei­ler der Demo­kra­tie wan­ken beträcht­lich - ich hof­fe nur, sie hal­ten bis die Pan­de­mie ein­ge­grenzt ist.

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